Spieleabend Siedler von Catan

Die kalte Zeit des Jahres naht und was könnte schöner sein, als im Kreise seiner Liebsten und diversen Flaschen Wein einen gemütlichen Spieleabend zu veranstalten. Alles was du über dieses neospießige Hobby wissen musst, erzählt dir unser zauberhafter Gastautor Harry Luck:

„Der will nur spielen“, sagt man über einen gefährlichen, zähnefletschenden Kampfhund, um dessen Harmlosigkeit zu versichern. Wer spielt, gilt als gemütlich, umgänglich, sozialverträglich, er tut keiner Fliege etwas zuleide, lässt seine Aggressionen nur an den gegnerischen Spielfiguren aus und ist zu keiner größeren Untat imstande, als sich mit einer durchsichtigen Plastikfigur im Londoner Untergrund per „Black Ticket“ als Schwarzfahrer fortzubewegen oder sich von einer Gefängniskarte direkt hinter Gittern beordern zu lassen, ohne über Los zu ziehen und viertausend Mark einzuziehen. (Ja, in meinem Monopoly-Spiel wird natürlich noch mit Mark bezahlt, und ich weiß nicht, ob in den aktuellen Versionen das Startgeld korrekt in 2045,17 Euro umgerechnet wurde, was natürlich viel weniger klingt.) Weder von Saddam Hussein, Osama Bin Laden, Adolf Hitler oder Jack the Ripper ist überliefert, dass sie gesellig „Mikado“ oder „Fang den Hut“ gespielt hätten.

Heutzutage wird das Spielen sogar von Karriere-Coaches und Personalberatern zu den sogenannten Soft Skills gezählt. Gesellschaftsspiele gelten als ideale Vorbereitung für ein Assessment Center: Man muss Regeln verinnerlichen, Zusammenhänge erkennen, flexibel reagieren und nach Lösungswegen suchen. Wer in „Catan“ die längste Handelsstraße baut, ohne seine Freunde zu verlieren, wird auch im Berufsleben bald in die Recruitingprogramme für High Potentials aufgenommen. Umgekehrt liegt auch nahe, dass Absolventen eines Führungskräfteseminars, wo sie Teamfähigkeit und den Umgang mit Konkurrenzsituationen gelernt haben, anschließend bei „Zug um Zug“ oder „Malefiz“ unschlagbar sind. Wer bei „Mensch ärgere Dich nicht“ (dem Spiel mit den drei Fehlern im Namen) damit umgehen kann, kurz vor dem Ziel rausgeworfen und auf Anfang gesetzt zu werden, ist gestählt für alle Widrigkeiten des Alltags und weiß auch, wenn sein Partner ihn überraschend vor die Tür setzt: Die nächste Sechs ist rasch gewürfelt. Beim Spieleabend zeigt jeder seinen wahren Charakter und offenbart, wie er mit Sieg und Niederlage umzugehen weiß. Darum fordern Experten inzwischen sogar, Spielen als Unterrichtsfach in der Schule einzuführen.

Was also spricht dagegen, auch als Erwachsener einem gemütlichen Abend einen spielerischen Rahmen zu geben und damit zu vermeiden, dass die Gesprächsthemen sich irgendwann im Kreis drehen oder die Zusammenkunft in ein sinnentleertes Vertilgen von Alkoholika abdriftet. Der Spieleabend beweist, dass ein unterhaltsamer Abend nicht von den TV-Programmmachern fremdgesteuert sein muss. Inzwischen gibt es auch schon zu diversen Fernsehfilmen von Säulen der Erde über Commissario Brunetti bis zu den Kluftinger-Allgäu-Krimis das passende Brettspiel. Und wer mit seinem Partner als Gegner einen Weltkriegsabend mit „Risiko“ ohne Blutvergießen übersteht und es schafft, nach Spielende nicht länger als fünf Minuten Beziehungskrise zu haben, der kann schon mal die Gästeliste für die Silberhochzeit planen. Eine gesellige Runde „Therapy“, „Tabu“ oder „Activity“ ersetzt mühelos so manche Selbsthilfegruppe oder tiefenpsychologische Gesprächstherapie.

Zweifellos kann ein Spieleabend auch Freundschaften zerrütten: Mit meinem – ich muss sagen: ehemaligen – polnischen Freund Jaroslaw habe ich viele anfangs noch fröhliche Spieleabende verbracht, bis er es sich angewöhnte, immer häufiger mitten im Spiel irgendwelche Spezialregeln aus dem Hut zu zaubern – „Was ich ganz vergessen habe zu erklären …“ –, die den sofortigen Sieg der roten – nämlich seiner – Spielfigur zur Folge hatten. Und der Verdacht, dass die polnischen Turteleien mit seiner Gattin Danuta in Wahrheit regelwidrige Absprachen mit gegenseitigem Nicht-Angriffs-Pakt darstellten, konnte nie wirklich ausgeräumt werden. Jaroslaws 99,9-prozentige Gewinnquote hat jedenfalls nachhaltig zu einer dramatischen Verschlechterung meines persönlichen deutsch-polnischen Verhältnisses geführt. Ich gebe zu: Irgendwann fanden die Spieleabende ohne osteuropäische Beteiligung statt.

Doch ein Spieleabend mit echten Freunden will gut vorbereitet sein. Die Regeln sollten sitzen, denn die kollektive Exegese der fünfzigseitigen Spielanleitung kann schnell stimmungstrübend wirken. Knabberzeug, Getränke und unauffällige Hintergrundmusik sorgen für den richtigen Rahmen. In einer Spielpause zwischen „Siedler“ und „Thurn und Taxis“ liefert das Pizzataxi eine ausreichende Verpflegung, die gemütlich aus dem Pappkarton verspeist wird – damit nach der Spielorgie nicht noch eine Spülorgie folgt.


Vorschläge für euren nächsten Spieleabend*:

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Harry Luck

Harry Luck

Harry Luck ist Journalist und Autor. Nach seiner Ausbildung zum Zeitungsredakteur studierte er Politikwissenschaft und arbeitete in München und Berlin als Korrespondent und Nachrichtenredakteur. Er lebt heute in Bamberg und ist in der Öffentlichkeitsarbeit tätig. Er hat inzwischen zehn Kriminalromane geschrieben, in seinen Franken-Krimis "Bamberger Hörnla" und "Bamberger Fluch" ermittelt sein oberspießiger Kommissar Horst Müller. (www.harry-luck.de)
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