Zitronenteegranulat

Eine Liebeserklärung an das gelbe Crystal Meth aus dem Discounter. Geschrieben von Harry Luck.


Teetrinker sind ein eigenes Völkchen: Während Kaffeetrinker sich ihr Leibgetränk rund um die Uhr zuführen können, versammeln sich die Teetrinker zur Tea Time und zelebrieren ihren Genuss, indem sie ihre Trinkgefäße vorheizen und mit selbst gehäkelten Kannenwärmern für die richtige Temperatur sorgen. Doch Teetrinker sind auch Separatisten, die sich in verschiedene bitter verfeindete Lager spalten und tee-ologische Glaubenskriege führen.

So teilen sich die Briten zum Beispiel auf in die Tif- und die Mif-Fraktion, also die Tea-in-first-Gruppe und die Milk-in-first-Befürworter, wobei die Tifisten von sich behaupten können, immerhin die Queen auf ihrer Seite zu haben. Egal ob Mif oder Tif: Wer sich für einen echten Teetrinker hält und sein Teewasser von jenseits der Alpen importiert, lässt lose Teeblätter von heißem Wasser übergießen – und hält ein Tee-Ei für ein unwürdiges Tee-Gefängnis und einen Teebeutel für eine widerwärtige Erfindung der Fast-Food-Satanisten.

Aber es geht noch schlimmer, und es ist wieder mal an der Zeit, ein unzeitgemäßes Bekenntnis abzulegen: Ich trinke Zitronentee. Und zwar nicht etwa den aromatisierten Assamtee mit Hauch von Zitrus. Nein, es geht um die durchsichtige runde Plastikdose mit Schraubverschluss, die mit hellbraunen Granulatstückchen gefüllt ist. Vierhundert Gramm für 1,79 Euro.

Zitronenteegranulat macht süchtig und fällt nur deshalb nicht unter das Betäubungsmittelgesetz, weil die Industrie sich dumm und dämlich an den zahllosen Abhängigen verdient, die sich ihre Droge ganz legal in jedem Discounter beschaffen können. Es ist anzunehmen, dass Aldi, Lidl & Co. ihre Sonderangebote unter dem Einkaufspreis nur deshalb finanzieren können, weil die Millionen von anonymen Zitronentee-Junkies Tag für Tag unerkannt in die Läden kommen und sich unauffällig ihren Stoff besorgen, den sie im Einkaufswagen verborgen zwischen H-Milch und Tofu-Salami zur Kasse fahren.

Überzeugte Teetrinker würden sich vermutlich weigern, Zitronentee überhaupt als Tee zu bezeichnen, sondern eher als gefärbtes Zuckerwasser. Sie würden sogar abstreiten, dass sich in dieser getränkeähnlichen Flüssigkeit Spuren von Tee nachweisen lassen. Vielleicht haben sie sogar recht damit. Immerhin enthält das Granulat 0,2 Prozent Zitronenfruchtpulver und 1,3 Prozent Schwarzteeextrakt, der Rest ist wohl wirklich Vitamin Z wie Zucker. Aber egal. Nichts erfrischt und schmeckt so gut wie Zitronentee, egal ob heiß mit einem Löffel Honig gesüßt im Winter oder kalt mit Eiswürfeln im Sommer.

Sicherlich gehört Zitronentee nicht zu den Lieblingsgetränken von Ernährungsberatern, deshalb sind gegen den Durst wohl eher Apfelschorle und alkoholfreies Bier zu empfehlen. Doch es geht ja nicht immer nur um das Durstlöschen, wie jeder Eierlikörtrinker bestätigen wird. Zitronentee ist ein Genussmittel, das in seinem ursprünglichen Aggregatzustand eine nicht gekannte Köstlichkeit darstellt: Wer schon mal einen Teelöffel Zitronenteegranulat auf der Zunge hat zergehen lassen und die Geschmacksexplosion erlebt hat, weiß, wovon ich spreche. Eine Instant-Praline, für die ich jede Patisserie links liegen lassen würde. (Und wer es noch nie getan hat, hat vermutlich auch noch nie einen Teelöffel in das Nutellaglas gesteckt!)

Und um es frei nach Gotthold Ephraim Lessing zu sagen:

„Ob ich morgen leben werde, weiß ich freilich nicht. Aber dass ich, wenn ich morgen lebe, Zitronentee trinken werde, weiß ich gewiss.“


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Harry Luck

Harry Luck

Harry Luck ist Journalist und Autor. Nach seiner Ausbildung zum Zeitungsredakteur studierte er Politikwissenschaft und arbeitete in München und Berlin als Korrespondent und Nachrichtenredakteur. Er lebt heute in Bamberg und ist in der Öffentlichkeitsarbeit tätig. Er hat inzwischen zehn Kriminalromane geschrieben, in seinen Franken-Krimis "Bamberger Hörnla" und "Bamberger Fluch" ermittelt sein oberspießiger Kommissar Horst Müller. (www.harry-luck.de)
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